Ungehorsam soll Spaß machen! | Gerhard Haderer im Interview

Zeichner Gerhard Haderer und ich sitzen im »Behrens Koch.Kolektiv« – die Klubkantine der Tabakfabrik Linz. Auf mit Samtstoff bezogenen Retrosofas plaudern wir bei Kaffee und Frucade über seinen Werdegang, künstlerisches Schaffen und die Schule des Ungehorsams.

Gerhard Haderer | Foto: Immanuel Gfall Schnell spüre ich, wie sehr dieser Mensch für das brennt, worüber er gerade spricht – Die Schule des Ungehorsams.

Was ist die Schule des Ungehorsams?Die Schule des Ungehorsams ist eine Denkfabrik sie existiert bereits, weil sie in den Köpfen der Menschen existiert.“, so Gerhard Harderer.

Ein Element der Schule des Ungehorsams soll es sein große Köpfe zu bestimmten Themen zu hören und deren Aussagen zum Ansatzpunkt weiterer Beschäftigung zu machen. Eine Freilegung und Übersetzung von gesellschaftsrelevanten Themen, Problemen, Fragen und Inhalten durch künstlerische, wissenschaftliche und aktionistische Auseinandersetzungen soll erfolgen. Damit können Themen, Probleme, Fragen und Inhalte zu den Menschen gebracht und deren Bewusstsein und Mut zur Mitgestaltung einer Demokratie geweckt werden. „Die Machtpolitik hat die Menschen verloren, wir müssen menschliche Grundvereinbarungen treffen und eine Widerstandskultur kultivieren. Aus dem Lärm von der Straße müssen wir Musik machen.“

Doch wo beginnt Ungehorsam und wo endet Gehorsam, frage ich und katapultiere mich mit dieser Frage scheinbar direkt in den Lehrauftrag dieser Schule, Haderer antwortet: „Genau damit können wir uns in der Schule des Ungehorsams auseinandersetzen. Ich würde sagen Ungehorsam beginnt dort, wo der Mensch einen Befehl erhält, diesen Befehl durch die eigene Persönlichkeit überprüft und abhängig vom Ergebnis der Überprüfung entscheidet, ob er diesen Befehl ausführen wird oder nicht.“ Für mich persönlich klingt das eher nach dem selbstverständlichen Einsatz von Verstand, doch Haderer macht klar das dies bedauerlicherweise keinesfalls selbstverständlich ist. „Es muss der Reflex kultiviert werden, immer auf der Seite der Unterdrückten zu stehen“, so Haderer. Für mich klingt das alles sehr politisch und ich erzähle über meine Erfahrungen, die mir zeigten, dass viele Menschen gar nicht daran interessiert sind sich demokratiepolitisch zu engagieren oder für gesellschaftsrelevante Themen einzutreten, meiner pessimistischen Anmerkung entgegnet Haderer: „Neo-Biedermeier nenne ich dieses Phänomen und genau diese Haltung muss sich verändern, sonst ist die Menschheit verloren.“ Mein Pessimismus lässt sich nicht stoppen und ich erzähle weiter, dass viele Menschen, die sich gegen herrschaftliche und für demokratische Strukturen, für Umwelt-, Tierschutz, klimafreundliche Ernährung oder andere gesellschaftsrelevante Themen einsetzen, von ihren Mitmenschen oft zu hören bekommen, dass sich das Engagement nicht lohnt, weil man(n)_frau die Welt alleine ohnehin nicht ändern könne. Dieser Anmerkung setzt Haderer ein in seiner Einfachheit beeindruckendes Statement entgegen: „Nicht die Dimension der Schritte, sondern die Richtung ist entscheidend.“

Mit der Schule des Ungehorsams soll mit Freude, Spaß und Leichtigkeit an schwierige Themen herangegangen werden. In einigen Köpfen existiert sie bereits, einen Raum und Platz für Projekte, Veranstaltungen werden zurzeit in der Tabakfabrik Linz vorbereitet. Planet, in: MOFF 0410  | © Gerhard HadererAktuell wird die Zeichnung  „Der Tag danach“, in der „Gerhard Haderer seine Solidarität mit dem Satiremagazin ‚Charlie Hebdo‘ zum Ausdruck bringt.“ auf eine 300 Quadratmeter große Außenfassade der Tabakfabrik Linz projiziert. Ergänzt wird die Zeichnung mit einem Zitat von Georg Orwell: 

„Freiheit ist das Recht, das zu sagen, was die Anderen nicht hören wollen.“

Im Interview frage ich Gerhard Harderer, wie sich entscheidet, zu welchem Thema er zeichnet und zu welchem nicht. Seine Antwort: „Kein Thema ist zu mickrig, um groß gezeichnet zu werden. Persönliche Emotion ist ausschlaggebend, ich muss mich positiv oder negativ über etwas aufregen, damit ich drüber zeichne.“

Schon lange regen Haderer Ereignisse und Haltungen in der Katholischen Kirche auf, 2002 veröffentlichte er sein Buch »Das Leben des Jesus« (Ueberreuter Verlag, Wien 2002), dazu Haderer: „Das Buch war eine Abrechnung mit dem IST-Zustand der katholischen Kirche. Ich wollte in den Raum stellen, dass es für die liebe Kirche an der Zeit wäre wieder einmal an die Werte ihrer eigenen Institution zu denken.“

Buchcover von »Das Leben des Jesus« (Ueberreuter, 2002) | © Gerhard Haderer
In Österreich folgte eine Anzeige nach §188 StGB „Herabwürdigung religiöser Lehren“ und in Griechenland eine Verurteilung wegen „Beleidigung einer Religionsgemeinschaft“ in 1. Instanz, wovon er wenige Monate später freigesprochen wurde. Das Buch löste großen Unmut aus und es folgten Drohungen und Einschüchterungsversuche gegen seine Person und Familie, Haderer erinnert sich: „Mir is da Reis gaunga, als Anrufe und Briefe unmissverständlich mein Wohlergehen und das meiner Familie bedrohten. Man legte mir nahe mich zu entschuldigen, damit wäre alles wieder erledigt gewesen, doch ich hätte mich niemals für meine Arbeit als Karikaturist entschuldigen können/wollen. “
Seit 1985 arbeitet Harderer als Karikaturist und veröffentlicht seine Karikaturen in Zeitungen und Magazinen im deutschsprachigen Raum, wie „profil“,  „stern“ oder den „Oberösterreichischen Nachrichten“. Dabei stellt sich die Frage nach Auftraggeber_in und Künstler, Haderer erzählt mir von ersten Aufträgen für Zeitungen und davon, dass Einschränkungen seines künstlerischen Schaffens durch seine Auftraggeber_innen für ihn nicht in Frage kommen. „Damit es gut wird, muss ich das machen, was mich bewegt.“

Nahezu fotorealistisch wirken seine farbigen Karikaturen, die aus Acryltusche und Lasurtechnik auf Papier entstehen, als Gegensatz zu diesen perfekten Bildwelten reduziert sich Haderer in seinen Cartoons im Heft Moff, dass seit 2008 monatlich erscheint, auf einen schwarzen Stift und Papier. Aus spontanen kraftvollen Linie entstehen Cartoons zum gesellschaftspolitischen Zeitgeschehen. O, in: MOFF 0210  | © Gerhard Haderer Der Zeichner Gerhard Haderer lebt und arbeitet in Linz. Ich möchte mich ganz herzlich bei ihm für das interessante, lustige und motivierende Gespräch bedanken. Schnell spürte ich, dass nun auch ich für die Denkfabrik ohne Mauern brenne, auch in meinem Kopf existiert sie – Die Schule des Ungehorsams.
Herzlichen Dank!


Alle Bilder © Gerhard Haderer, zur Verfügung gestellt von Gerhard Haderer – Vielen Dank!
Text: Victoria Windtner

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